Lockdown: Zu spät und zu wenig

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Lockdown: Zu spät und zu wenig

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Kommentare (2)

  1. Stefan says:

    Inhaltlich stimme ich Ihnen im Großen und Ganzen zu: Es gibt gute Argumente für eine (vorübergehende) Schließung auch von Schulen und Kirchen. Die Art und Weise, wie Sie über Menschen mit anderer Meinung urteilen, finde ich aber etwas grenzfertig, wenn ich das so offen sagen darf.

    – Wenn in der Politik über die berechtigten Sorgen von Eltern diskutiert wird, wie sie die Kinderbetreuung bei einer möglichen Schulschließung sicherstellen sollen, dann ist das kein “lamentieren”, sondern ein notwendiges Abwägen von Vor- und Nachteilen, das vollkommen legitim und auch notwendig ist. Das Wort “lamentieren”, drückt eine gewisse Geringschätzung aus, deshalb meine Frage: Wen oder was wollen Sie mit so einem Stil erreichen? Individuelle Sorgen und Probleme von Menschen muss man IMMER ernst nehmen, auch wenn sie selber vielleicht nicht versteht.

    – Wenn Wissenschaftler und Politiker davon sprechen, wir müssten “mit dem Virus leben lernen”, dann ist das diskussions- und auch kritikwürdig. Es ist aber noch nicht zwangsläufig eine “Ideologie der Kapitulation “. Kapitulation hieße, gar nichts zu unternehmen und das Virus unkontrolliert laufen zu lassen. Das will zum Glück nur eine kleine radikalisierte Minderheit. Dazwischen gibt es jede Menge an Grautönen, die man in einer demokratischen Diskussion ertragen muss, ohne sie gleich als “Ideologie” abzustempeln.

    Meine Meinung kennen Sie: Ich halte den jetzigen Lockdown schweren Herzens für notwendig, weil es mit Appellen an die Eigenverantwortung leider nicht hinreichend funktioniert hat. Auch ich bin aber immer wieder am Zweifeln: Sind derart scharfe Beschränkungen wirklich notwendig, oder gibt es nicht doch auch mildere Mittel, die eine ähnliche Wirkung erzielen? Ich bin jederzeit bereit, mir dazu die unterschiedlichsten Meinungen anzuhören, ohne sie gleich als “Ideologie” abzuqualifizieren. Damit erhebt man sich sein Gegenüber in einer Weise, die niemandem zusteht. Von Ideologie würde ich erst dort sprechen, wo rechtes Gedankengut und/oder Verschwörungstheorien dazukommen, die logisch nicht mehr nachvollziehbar sind. Das sehe ich aber nur bei einer Minderheit.

    Aus Ihren Beiträge spricht für mein Empfinden immer öfter ein moralischer Rigorismus, der (zumindest wirkt es so) nur den einen einzigen, allein richtigen Weg für sich proklamiert; nämlich einen möglichst strengen und umfassenden, lang andauernden Lockdown. Aus virologischer Sicht spricht vieles dafür, dass das so ist. Die rein virologische Perspektive ist aber nicht die einzige, die eine Gesellschaft berücksichtigen muss, sondern da gibt es immer auch andere Aspekte (soziale, psychologische, wirtschaftliche usw.) die in den Entscheidungsprozess mit einfließen müssen.
    Für welchen Weg im Umgang mit der Pandemie sich eine Gesellschaft letztendlich entscheidet, müssen die demokratischen Instanzen in einem sorgfältigen Abwägungsprozess entscheiden. Das dabei lebhafte und auch harte Diskussionen entstehen, ist normal. Begriffe wie “Ideologie der Kapitulation” oder “lamentieren” helfen meines Erachtens aber nicht zur Konsensfindung, sondern verhärten die Fronten und erschweren damit das Finden von Lösungen, die allgemein akzeptiert und mitgetragen werden. Denn nur darum geht es letztendlich.

    Noch etwas: Ich bin übrigens sehr froh, dass sich Selbsthilfegruppen (z.B. für Menschen mit psychischen Problemen) weiter treffen dürfen, was im ersten Lockdown nicht der Fall war. Das zeigt, dass man inzwischen auch die psychischen Bedürfnisse der Menschen ernst nimmt und offener ist für Kompromisslösungen.

    1. Sachlage ist, dass es eine Reihe von Ländern gibt, die diese Epidemie nahezu komplett ausbremsen konnten – ohne oder mit sehr wenigen Toten. Sachlage ist zudem, dass sich gerade arme Länder diese Epidemie am wenigsten leisten können. Ebenso ist es Sachlage, dass Europa und die USA massiv zum Export der Epidemie durch ihre unkontrollierten Ausbreitung in den eigenen Ländern beitragen und damit alle gefährden.

      In Anbetracht der Sachlage, dass Krankenhäuser davor warnen, dass es in drei Wochen schon nicht mehr genug Intensivbetten geben könnte, bezeichne ich in der Tat die Sorgen, die eigenen Kinder ganztags betreuen zu müssen, als lamentieren. Dies auch vor dem Hintergrund der Meinung in Europa, dass Flüchtlingskinder teils seit Jahren keine Schule etc. benötigen. Für diese sind Lager genug. Nur in diesem Kontext ist meine Bemerkung einzuordnen.

      Ich stimme der Hierarchie des Lebenswertes – hier die Europäer und ihre Kinder, dort alle anderen und ihre Kinder – nicht zu. Ich finde in dieser weltweiten Krise das Verhalten der europäischen Länder unsolidarisch und nicht akzeptabel. Das mag dann als moralischer Rigorismus wirken, auch wenn er es nicht ist.

      Studien zeigen übrigens, dass Online-Therapieangebote genauso wirksam sind wie Offline Angebote. Schon jetzt fallen viele Therapeuten wegen Kontakten zu erkrankten oder positiv getesteten Patienten aus – ein Kollege ist auch dadrunter. In den meisten Fällen hätte dies durch konsequente Video-Therapie vermieden werden können. Nun werden die Stunden auch per Video absolviert oder sie werden ganz abgesagt – ist das besser?

      90 % der Selbsthilfegruppen können sich mit den heutigen Möglichkeiten wunderbar Online treffen, sowohl in einem virtuellen Raum, als auch je nach Bedarf verteilt in mehreren virtuellen Räumen. Zusätzliche Spaziergänge von jeweils zwei Personen draußen mit Maske könnten ebenfalls organisiert werden. Sich in einem Innenraum in einer Gruppe zu treffen, halte ich nicht für sinnvoll. Übrigens werden für viele, die Selbsthilfegruppen besuchen, die psychischen Auswirkungen der Erkrankung, wenn man sich selbst infiziert, oder wenn sich Angehörige infizieren oder wenn man selber Gruppenmitglieder infiziert auch stark sein.

      Wir werden nach alledem noch jahrelang Selbsthilfegruppen haben von Menschen, die große Verlust erlitten, weil dieser Pandemie nicht mit Verantwortung begegnet wurde. Es wäre besser gewesen, uns allen dies zu ersparen.

      Für die Notfallbetreuung kommt das natürlich meistens nicht in Frage. Genau deshalb – damit alle, die es brauchen, behandelt werden können, sollte die Gesellschaft sich solidarisch verhalten, anstatt so weiter zu machen bis alle Krankenhäuser dicht und tausende weitere Tote produziert worden sind.

      Wie Sie wissen, fand ich die erneute Nachlässigkeit seit Juli unerträglich und in der Tat wären die Maßnahmen jetzt (die nun unzureichend sind) wohl nicht notwendig gewesen, wenn ein verantwortungsvolles und solidarisches Verhalten gezeigt worden wäre. Das war aber nicht so und deshalb war die jetzigen Situation leider vorhersehbar.

      Gestern bereits 4000 Tote in Europa an nur einem Tag – das Leid dieser Menschen und ihrer Angehörigen sollte nicht vergessen werden. Zehntausende weitere Menschen in Europa werden nun völlig unnötig ihr Leben verlieren (im allerbesten Fall), vermutlich weitaus mehr.

      Rechnen sie für jeden Verstorbenen 5 betroffene Angehörige hinzu und zur Quantifizierung überlebender, aber schwerer und damit oft hoch traumatisierender Fälle sicherlich noch einmal den Faktor zehn. Wir reden also von Millionen schwer Betroffenen.

      Zudem müssen Sie auch an die Menschen denken, die jetzt deshalb psychisch erkranken oder Angststörungen entwickeln, weil sie sich nicht ausreichend geschützt fühlen, was ja der Realität entspricht. Wir sollten auch diese nicht vergessen. Es gibt überzeugende Analysen, dass in Deutschland der erste Lockdown übrigens offenbar mit einer Abnahme der Suizide einherging, man also einen Lockdown so gestalten kann, dass es nicht zu eskalierenden Entwicklungen kommt.

      Es ist schon enormes Leid, was die Zulassung der Ausbreitung der Epidemie erzeugt.

      Man hätte es nach meiner Überzeugung nie so weit kommen lassen dürfen, zumal wir ja alle gemeinsam in anderen Ländern sehen konnten, dass es genau so weit kommen würde. Es ist ja nicht so, dass wir von der zweiten Welle überrascht worden wären. Wir haben sie sehenden Auges zugelassen.

      Immer mehr Schulen machen bereits zu wegen Infektionsfällen, es werden mehr werden. Immer mehr Briefe werden versandt, Kinder sollten in Quarantäne. Diese verpassen dann auch Unterricht. Erzeugt werden dadurch zusätzliche Ungleichheiten. Ein Bekannter hat auch so einen Brief erhalten, wenn auch mit 9 Tagen Verspätung.

      Am Ende wurde nichts gewonnen und alle werden erneut durch die zu späte Reaktion verloren haben.

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